Die alltägliche Problematik des Übergewichts bei Papageienvögeln

Die „Zivilisationserkrankung“ Fettsucht findet sich bei vielen Haustieren, so auch bei Papageien und den (zu den Papageienvögeln zählenden) Sittichen.

Ein unbegrenztes Angebot des Futters und zu wenig Bewegung fördern die Entstehung von Fettsucht.

Viele unserer Ziervögel sitzen vor permanent gut gefüllten Futternäpfen. Doch Fehlende Bewegungsaktivität bei gleichzeitiger ad libitum Fütterung (= ständig volle Futternäpfe) ist ein Grundproblem bei vielen Vögeln mit Übergewicht. Dabei gilt als „Bewegung“ beim Papageienvogel im Sinne einer Kalorien-verbrauchenden und Herz-Kreislauf-trainierenden Tätigkeit nur das Fliegen, nicht aber Gehen oder Klettern im Käfig.

Der Vogel besitzt einen Hochleistungsorganismus, dessen Anatomie und Physiologie auf die extreme körperliche Fähigkeit des Fliegens ausgerichtet sind. Bleibt diese aus, so sind eine permanente Unterforderung des Kreislaufs und des allgemeinen Stoffwechsels die Folge!

Wie ernähre ich meinen Vogel richtig?

Die ständige Futterverfügbarkeit führt bei vielen Vögeln zu einer übermäßigen Futteraufnahme. Eine „natürliche Fressbremse“, d. h. eine innere Uhr, die durch ein Sättigungsgefühl die Vögel vor dem „Überfressen“ schützt, existiert nicht.

Wie bei unseren Gartenvögeln, so sind auch bei unseren Ziervögeln die Aktivitätszeiten und damit die Hauptfresszeiten am Morgen und am Nachmittag/Abend. Um diesem tageszeitlich unterschiedlichem Fressverhalten Rechnung zu tragen, können die Futternäpfe beispielsweise morgens mit einer Halbtagesdosis Futter befüllt werden. Diese kann so bemessen sein, dass am Nachmittag die Näpfe vollständig geleert sind. Eine derartige Mengenbegrenzung verhindert zugleich eine einseitige Ernährung durch Futterselektion, weil nach Herauspicken der Lieblingsfuttermittel, der Hunger mit den weiteren Futterbestandteilen gestillt werden muss.

Sämereien: auf die richtige Zusammensetzung kommt es an!

Denn ein weiteres grundlegendes Problem bei vielen übergewichtigen Papageienvögeln ist eine falsche Zusammensetzung des Futters. Man darf nicht dem Irrglauben verfallen, dass ein Vogel instinktiv weiß, welches und wie viel Futter für ihn gesund sind.

Papageienvögel selektieren ihre Nahrung und bevorzugen in der Regel fett- und damit energiereiche Futtermittel. Im täglichen Überlebenskampf in der Natur ist diese Eigenschaft von Vorteil, im „Schlaraffenland“ der Voliere, wo jederzeit Futter ohne jeden körperlichen Aufwand gefunden werden kann, dagegen von Nachteil. Füttert man einem Großpapageien beispielsweise mit einer handelsüblichen Sämereienmischung, so werden häufig als erstes die „Lieblingskörner“ verspeist. Und dabei handelt es sich in der Regel um die fettreichen Saaten.

Biologisch und tiermedizinisch richtig ist der Ansatz abwechslungsreiche, am natürlichen Nahrungsspektrum orientierte Futtermittel hoher Qualität den Tieren anzubieten. Dabei werden die traditionellen Sonnenblumen/Nuss-Mischungen durch vielseitige Sämereienmischungen, Obst und Gemüse, Früchte und Gräser ersetzt. Die Nahrung sollte so zusammengestellt werden, dass sie den spezifischen Ansprüchen der unterschiedlichen Papageienarten gerecht wird.

Pellets: nährstoffreich, aber auch eintönig

Im Bestreben, eine gesunde Mischung der für den Vogel notwendigen Nährstoffe zu füttern, wurden vor einigen Jahren Pellets als vitaminreiches Alleinfuttermittel in den Markt eingeführt. Dadurch konnte das Risiko einer Futterselektionsbedingte Falschernährung ausgeschlossen werden. Ein Nachteil der Pellets ist allerdings die Eintönigkeit der Futteraufnahme. Gerade in Menschenhand ist das Beschäftigen mit der Nahrung sehr wichtig für die Tiere! Außerdem besteht die Vermutung, dass die mehlige Konsistenz der Pellets negative Einflüsse auf dem Magen-Darm-Trakt der Papageien hat – diese Frage wird kontrovers diskutiert und ist zum heutigen Zeitpunkt nicht endgültig geklärt.

Artgerechte Haltung heißt: Flugraum schaffen!

Ein Vogel, der nicht oder wenig fliegt, hat einen relativ niedrigen Energiebedarf. Dementsprechend neigen Nichtflieger bei Verabreichung der üblichen Kost zum Aufbau subkutaner (unter der Haut gelegener) und in der Körperhöhle gebildete Fettdepots.

Als Ursachen mangelnder Flugaktivität sind vor allem fehlender Flugraum (haltungsbedingte Flugunfähigkeit), Flugunlust sowie erkrankungs-/verletzungsbedingte Flugunfähigkeit zu nennen.

Es ist ein Grundsatz der Haltung von Vögeln, dass eine Anschaffung gefiederter Hausgenossen nur getätigt werden sollte, wenn Flugvolieren oder Vogelzimmer existieren, die die Tiere zumindest zeitweise nutzen können. Allerdings gibt es Vögel, die scheinbar „flugfaul“ sind.

Flugtraining für „flugfaule“ Vögel

Sie zeigen kein Interesse am Fliegen, obwohl die Möglichkeit dazu bestünde. Häufig waren solche Vögel lange eingesperrt, haben das Fliegen sozusagen verlernt und fürchten sich vor dem Flugabenteuer oder der scheinbaren Unsicherheit des Lebens außerhalb des Käfigs.

Man sollte diesen Tieren – wenn sicher ist, dass keine krankheitsbedingte Flugunfähigkeit vorliegt – unbedingt unterstützen und ein gezieltes Flugtraining durchführen.

Bei Großpapageien (Graupapageien, Amazonen, Kakadus, Aras) gibt es Vögel, die das Fliegen scheinbar aus Bequemlichkeit eingestellt haben. Auch in solchen Fällen ist ein vorsichtiges Training sinnvoll. Möglicherweise ist bei den großen Krummschnäblern aber die Begrenztheit der Flugstrecke die eigentliche Ursache der (aus menschlichem Blickwinkel) vermuteten Flugunlust.

So berichtete ein Ara-Halter, der seine Außenvolieren von zwei auf über drei Meter Höhe ausbaute über eine danach einsetzende, ungeahnte Bewegungsfreude seiner Tiere. Retrospektiv wurde so deutlich, dass die Aras immer eine Flugbereitschaft hatten, diese aber erst zeigten, als für ihre Bedürfnissen ausreichender Flugraum angeboten wurde.

Dr. med. vet. Axel Zinke

Aus der Tierärztlichen Praxis für Vögel

Dres. Bärbel Schnebel und Axel Zinke

Bergstr. 4, 49504 Lotte-Büren

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